Ein Förster auf Abwegen

Bodo Marschall will vor allem Kindern und Jugendlichen zeigen, wie Wald funktioniert. Wie wichtig er für unser tägliches Leben ist. 

So zieht er durch Kindergärten und Schulen, hält Vorträge, gestaltet auch mal ein, zwei Stunden Unterricht. Drinnen und draußen. Da geht er mit den Kleinen bewusst querfeldein, lässt sie Holz sammeln für ein Lagerfeuer, ein „grünes Klassenzimmer“ einrichten. Gemeinsam wuseln sie durchs Moos, um mit Insektenstaubsauger und Becherlupe Minikrabbler zu studieren. Gezielte Anstiftung zum Naturforschen.

Wenn ihn da ein schokokauender Lümmel fragen würde, wo sich denn nun die lila Kühe verstecken, würde er sicherlich kaum noch zucken. Denn dass die Generation Flachbildschirm sich besser in der World of Warcraft zurechtfindet als im heimischen Forst, weiß er längst. Natur ist out. Viel zu anstrengend. Wie, selber laufen? Was sind denn das hier für blasse Farben? Und wo ist bitteschön der geile 3D-Effekt?

Marschall amüsiert sich. Eben noch hat eine Pausbacke damit geprotzt, ein hartgesottener Monsterkiller in virtuellen Fantasiewelten zu sein. Beim Anblick einer harmlosen Spinne mutiert er flott zum hysterischen Kreischer.

Bei allen Abenteuern Maries dabei: Der Papa. Doch meistens guckt er nur und lächelt. Nun ja, zumindest ist nun ein Erziehungsberechtigter anwesend.Falls sich da überhaupt noch ein Bild von Natur gemacht wird, dann ist es ein sehr diffuses, meist durch die Rosarotbrille gesehen. „Wald hat idyllisch zu sein, eine parkähnliche Landschaft. Natur hat rein und unberührt zu sein“, fasst Förster Bodo zusammen. „Forstwirtschaft dagegen gilt als gieriges Streben nach dem schnöden Mammon und wird argwöhnisch beobachtet.“

Dass unser Wald ein Produkt, ein Ergebnis jahrzehntelanger Hege und Pflege ist, keinesfalls einfach mal so gewachsen, ist fast zum mythischen Geheimnis geworden. Fragt man natürliche Zusammenhänge ab, kommt man ins Staunen. Oder eher ins Grübeln?

So ahnen die Kids nicht, dass Tiefkühlspinat (selbst der mit dem Blubb) ein Naturprodukt ist. Nur gerade jeder Zweite argwöhnt, dass Rosinen getrocknete Trauben sind. Schon mal einen Regenwurm angefasst? Bäh! Ekelhaft! Wie kann einer so etwas überhaupt ernsthaft fragen …

Aber man ist sich sicher: Die Natur ist grundsätzlich gut, der Mensch ist böse und macht alles platt. Das Jagen von Rehen oder das Fällen von Bäumen wird da als besonders naturschädlich angesehen.

Also müssen wir Mutter Natur, dieser armen leidenden Frau, barmherzig zur Seite stehen. Gewähren wir diesem schwachen Wesen unsere mildtätige Anteilnahme, getränkt in Hartz IV-Wohltaten. Leider beschränkt sich diese durchaus ehrenwerte Denke auf die naive Ansicht, man müsse nur immer ordentlich im Wald aufräumen und im Winter die Tiere füttern. Dann wird alles gut. Seufzer der Erleichterung. 

Das ergab zumindest der Jugendreport Natur '06: Natur obskur, den der Deutsche Jagdschutzverband und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald gemeinsam in Auftrag gaben. 2005 befragte ein Team um den Natursoziologen Dr. Rainer Brämer über 2.200 Schüler aller Schulformen, hauptsächlich in Nordrhein-Westfalen. Alter zwischen zwölf und fünfzehn. Dem Förster sträuben sich dezent die langen, blondgelockten Haare. Aber eben nur noch dezent.