Ein Förster auf Abwegen

Pit zeigt Marie eine faszinierende unterirdische Fabrik. Elfen und Kobolde werkeln da Seite an Seite mit Würmern und Käfern. Sie produzieren Erde. Diese Leckerei verfüttern sie an die Wurzeln von Bäumen und Sträuchen. „Und als Dankeschön schenken sie uns Sonnenstrahlen, die sie oberirdisch mit ihren Blättern sammeln“, erklärt der eifrige Heinzel. Marie ist entzückt. Und mit ihr die Leser.

Spielerisch erhalten sie mit der niedlichen Story auch eine Vorstellung vom Kreislauf der Natur. Und welche immens wichtige Rolle gerade der Boden spielt. Den treten wir meist nur achtlos mit Füßen. Oder sehen ihn als puren Dreck: Igitt, mach dich nicht schmutzig!

Liebenswerte Bewohner der Unterwelt: 'Diese Springfüßler waren wohl die sonderbarsten Wesen hier unten. Sie hatten kräftige Beine und riesengroße, breite Füße.Die unterirdische Welt im Zauberkristall dagegen ist verführerisch dargestellt, die Bewohner dort liebenswert: „Diese Springfüßler waren wohl die sonderbarsten Wesen hier unten. Sie hatten kräftige Beine und riesengroße, breite Füße. Die Laubschnipsel-Päckchen wurden in ein großes Sieb geschüttet, auf dem die Springfußkobolde nach Herzenslust herumsprangen – hops, hops, doing, doing.“

Vor allem aber die Illustrationen verlocken in ein faszinierendes Erdreich. Beruhigende Blautöne, sanfte Pastellfarben, die Kleidchen der Feen strahlen leuchtend weiß. Christoph Semmelrodts Arbeiten sind bezaubernd und prägen das Buch. Seine Figuren haben den positiven Comic-Touch, die Hintergründe saugen den Betrachter in plastische Tiefen.

„Die Bleistiftzeichnungen habe ich ganz klassisch auf Papier gemacht und dann eingescannt“, verrät der Künstler. „Die Farbgebung erfolgte am Computer in Photoshop. Aber ich habe versucht, die digitalen Möglichkeiten zu nutzen, ohne mich in technischen Spielereien zu verlieren.“

Die Bleistiftzeichnungen fertigt Christoph Semmelrodt klassisch auf Papier an. Erst am Computer wird koloriert.Dann plötzlich – Alarmstufe Rot. Die Erdfabrik zittert und bebt. Staub rieselt. Felsbrocken donnern herab. Erde in Gefahr. Ein LKW entkippt Abfall, alte Reifen, ein leckes Ölfass. Unachtsam und leichtfertig hat jemand den Wald einmal mehr als Müllkippe missbraucht. Und Marie nun Teil dieser Miniwelt, erlebt hautnah, was dies für das Leben dort unten bedeutet.

„Als ich diese Bilder skizzierte, vom Wohlstandsdreck zwischen all den Bäumen, hatte ich Angst, ich würde übertreiben“, entsinnt sich Christoph Semmelrodt. „Doch Bodo Marschall zeigte mir vor Ort, was da tatsächlich alles gnadenlos weggeschmissen wird. Und wie realistisch meine Fantasie eigentlich war.“

Der Wald als Müllkippe – Am Ende des Bilderbuchs DER ZAUBERKRISTALL findet sich gleich eine ganze Reihe derartiger Aufnahmen. Sie machen nachdenklich, sie machen traurig.Dabei tummeln sich allein in einer Handvoll gesundem Waldboden mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde. Das erfährt man übrigens im Anhang des außergewöhnlichen Bilderbuchs: Aha … so ist das! Direkt im Anschluss an Maries Abenteuer finden sich hier auch Großaufnahmen von Insekten und Würmern. Dazu ein Beinchen-Navigator: Wer trippelt auf wievielen Beinen durch die Wunderwelt Waldboden? Ein reizvoller Ausflug in die Fakten.

Alle Organismen im Boden zusammen, von der Bakterie über den Pilz bis hin zum Ringelwurm, bezeichnet man als Edaphon. Es klingelt im Ohr. Edaphon? Das haben wir doch gerade schon mal gehört? Genau – edaphon heißt auch der Verlag, bei dem Der Zauberkristall erschienen ist. Ins Leben gerufen haben diesen edaphon-Verlag Bodo Marschall und Designer Christoph Semmelrodt selbst.