Anwalt mit eingebautem Freispruch

Ein Plädoyer für Perry Mason
gehalten von Harald Helmut Weiss

Sie war die erste schwarze Darstellerin in einer Weltraumserie: Nichelle Nichols als Lieutenant Nyota Uhura in RAUMSCHIFF ENTERPRISE (STARTRECK).Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie hat im Spätjahr 2008 eine interdisziplinäre Studie durchgeführt. Allein das klingt schon beunruhigend. Das Ergebnis ist es noch mehr: Je häufiger Patienten Krankenhausserien im Fernsehen anschauen, desto mehr fürchten sie sich vor der Klinik. Wird da eher Dr. House um die Ecke kommen oder gleich Dr. Frankenstein?

In einer Zeit, geprägt von Massenmedien, scheint die Grenze zwischen Scheinwelt und Realität immer mehr zu verschwimmen.

„I’ll be back!“ – 2003 wurde Arnold Schwarzenegger zum Gouverneur von Kalifornien gewählt. Mit fast der Hälfte aller Stimmen. Na, hatte der Muskli nicht bereits als Terminator im Kino bewiesen, dass er kraftvoll zupacken kann?

Nichelle Nichols, Darstellerin der grazilen Funkerlady Uhura vom Raumschiff Enterprise, war jahrelang bei der NASA als Recruiter angestellt. Ihre Aufgabe: Sie sollte fürs Astronautendasein begeistern.

Der Schauspieler Lorne Greene, Papa Cartwright aus Bonanza, wurde in Briefen immer wieder um Erziehungstipps gebeten. Wer im Wilden Westen drei prächtige Burschen großgezogen hatte, musste doch wissen, wie man den eigenen heimischen Wilden Watz vor dem Bildschirm zähmen konnte.

Und sicher wie sein „Einspruch, Euer Ehren!“ im Gerichtssaal ist, dass Raymond Burr oft aufgefordert wurde, einen Streitfall zu klären. Immerhin war er Perry Mason, der unfehlbare Anwalt der gleichnamigen TV-Serie. Noch nie hatte er einen Prozess versiebt, einen Termin verbaselt, einen Mandanten versetzt. Er war der Anwalt mit eingebautem Freispruch. Jahrelang spielte er den tapferen, überlegenen Kämpfer ohne Furcht und Tadel. Den edlen weißen Ritter in dunklem Anzug mit Krawatte.

Überlegen und cool: Der Kanadier Raymond Burr als Staranwalt Perry Mason.Da sitzt er, liest entspannt ein Buch, genießt Kaffee und Zigarette. So sehen wir Perry Mason zum ersten Mal in der Premierenfolge Der Fall mit den zwei Revolvern (The Case of the Restless Redhead, 21. September 1957). Das Telefon läutet. Eine Schönheit bittet um Hilfe. Sie ist aufgeregt, verzweifelt. In ihrer Zigarettendose hat sie eine Waffe gefunden, die nicht ihr gehört. Behauptet sie jedenfalls. Kurz darauf ruft sie erneut an (Die Anzahl der Kippen in Perrys Aschenbecher ist gewachsen. Aha! Zeit ist vergangen. Glimmstängel sind also doch zu etwas nutze). Nun ist die Lady in Panik: Bei einer rasanten Autofahrt schoss sie auf einen Vermummten, um ihn abzuschütteln. Am Ort des Geschehens findet sich die Leiche eines Mannes mit Kissenbezug über dem Kopf. Alles klar?

Ihre 'big blue eyes' faszinieren Perry Mason, obwohl alles schwarzweiß daherkommt.Natürlich wird der attraktive Rotschopf des Mordes angeklagt. Und natürlich übernimmt Mason die Verteidigung. Natürlich ist Mason pfiffiger als Kripo und Staatsanwaltschaft zusammen. Und natürlich gesteht die Tat am Ende ein bislang Unverdächtiger. Das ist das Schnittmuster der Serie, das mehr oder weniger ständig variiert wurde. Trotzdem wirkt das alles niemals abgegriffen, besitzt einen eigentümlichen magischen Reiz. Man atmet Film Noir für den Heimgebrauch. Besonders im amerikanischen Original.

Durch insgesamt 271 Episoden manövrierte der Starverteidiger seine Klienten aus übler Klemme. Auf neun Seasons brachte es die außerordentlich erfolgreiche Reihe. Von 1957 bis 1966 war sie in den USA beim CBS Television Network zu sehen, ungezählte Wiederholungen folgten.