Stattgegeben!
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Egal. Die Sache klingt so unwiderstehlich schlüssig. Wo Mister McKay doch auch noch Vertreter für Scheckdrucker ist und potenziellen Kunden mit Hilfe solcher Nadeln demonstriert, wie leicht man handgeschriebene Schecks aus einem Umschlag fuddeln und fälschen kann. „Wieso haben sie vorhin dann so getan, als würden Sie das Werkzeug nicht kennen?“ Mein Perry. Die richtige Frage im richtigen Augenblick. Schon blubbert es nur so aus McKay heraus und er gesteht auch gleich den Mord, um den es ja eigentlich geht: „Laura, ich tat es nur für uns! Er hätte alles zerstört, was wir uns geschaffen hatten!“ Close-up McKay. Schaut da! Der Killer! Streicher fiedeln Tragik. Der Herr an der Kesselpauke lässt die Schlägel wirbeln. Crescendo. Ramm-pamm. Wieder einmal hat unser Advocatus Televisioni den wahren Übelburschen enttarnt. Und gleichzeitig die Unschuld seiner liebreizenden Mandantin gerettet. Erstes Mason’sches Naturgesetz. Alles gerade rechtzeitig vorm Abspann. Wunderbar!
Solche Glanznummern legt Justitias Streitross regelmäßig hin. Das macht er wirklich in Serie. Der haut jeden Mandanten raus, eben noch unter Mordverdacht, Sekunden später freudengetränt. Und meist durch hartnäckiges Befragen beim Kreuzverhör verwickelt er den wahren Täter in Widersprüche, entlockt ihm flotti das entscheidende Geständnis. Glücklicherweise schaukelt dieser nicht etwa in der Südsee sondern verfolgt den Prozess im Saal ebenso gespannt wie der Zuschauer. Ein wahrlich übersichtliches Rezept. Ein simples Muster.
Aber stricken Sie mal mit. Ohne dass es langweilig wird. Auch das sieht einfacher aus als es ist. Macht man sich dran, so ein Skript selbst auszuknobeln, endet auch das meist in einem Haufen Papierknülle. Ich habe gewarnt!
Warum schauen wir diesen vorhersehbaren Geschichten trotzdem immer wieder verzückt zu? Selbst heute noch, über fünfzig Jahre nach ihrer Erstausstrahlung? Sie sind wie eine liebgewonnene Melodie. Wir hören sie gerne, in immer neuen Variationen, mal schlicht gepfiffen, mal gedonnert vom pompösen Symphonieorchester. Eigentlich wollte auch ich ja nur einen knappen Überblick über die zweite Staffel der Reihe schreiben, die gerade bei Paramount Home Entertainment auf DVD erschienen ist. Aber Perry hat mich mit seinen Winkelzügen gebannt. Ich habe mir alle dreißig Episoden fasziniert angeschaut. Klassisch. Kultig. Komplett.
Ich kann nachspüren, wie kribbelig die US-Zuschauer damals wohl auf Neues aus der Kanzlei gespitzt haben. Wochenlang, gut zweieinhalb Monate waren sie 1958 perrylos. Die Abschlussfolge der ersten Season war am 28. Juni 1958 davongeflimmert. Erst am 20. September 1958 eröffnete Der Fall mit dem Mann, der zweimal starb (The Case of the Corresponding Corpse) die zweite Saison. Irgendwie hat man dem Erfolg noch nicht so recht getraut. Also werden die Hauptfiguren der Serie noch einmal höflichst vorgestellt. Man könnte sie ja bereits vergessen haben.
Perry Mason, unser Unermüdlicher, brütet des Nachts über Papieren, die Krawatte gelockert, den Hemdkragen aufgeknöpft. Oh ja, dieser Mann arbeitet viel und hart. Neben ihm, die dezente Dunkelhaarige schaut geschäftig umher – Miss Della Street (Barbara Hale). Da er sie bald Schönste aller Sekretärinnen nennt, ist die Rollenverteilung eindeutig. Als es bei Masons rhythmisch an die Bürotür klopft, sagt er zu ihr: „Da ist unser Hausdetektiv, Paul Drake.“ Gut zu wissen. „Soll ich ihm aufmachen?“, neckt Miss Street. Mason: „Was bleibt uns übrig?“ Was Recht ist, muss Recht bleiben: Ohne Schnüffelnase Drake (William Hopper) wäre die Clever-Crew unvollständig.
Als ihn dann Lieutenant Arthur Tragg (Ray Collins) telefonisch vom ersten Mord der Saison unterrichten will, fragt Mason tatsächlich: „Wer ist denn da?“ Schnippische Antwort: „Ihr Freund und Bewunderer!“ Mason: „Lieutenant Tragg?“ Hat es dem Schlaubi, der doch ansonsten jede Kleinigkeit registriert, in den paar Wochen tatsächlich die Stimme des Polizeibeamten verweht, der doch bereits in etlichen Mordfällen der ersten Staffel ermittelte? Wo es in LA ja überhaupt nur diesen einen knorrigen Kriminaler zu geben scheint, diesen Dezernatler im Dauerdienst.Fehlt noch der ewige Staatsanwalt. Der ewige Gegner. Der ewige Verlierer. Hamilton Burger (William Talman) treffen wir erst bei Gericht. Da gehört er hin, da befragt er auch gleich wieder routiniert manchen Zeugen, betatscht unschlüssig seinen Notizblock, erhebt tapfer Einspruch. Nachdem auch er atemlos Staffel Zwei erreicht hat, ist er bei weitem nicht mehr so giftig wie zuvor. Im Fall mit der Frau in Purpur (The Case of the Purple Woman) gratuliert er Perry sogar großherzig: „Das war eine fabelhafte Leistung“. Dafür zitiert dieser voll des Lobs aus einem Fachartikel, den Burger fürs Anwaltjournal geschrieben hat und überlässt ihm generös seinen Sitzplatz im Restaurant. Alles strahlt. Belegschaft komplett!
