Blick zurück nach vorn

Harald Helmut Weiss gönnt sich den Luxus Langsamkeit
und schmökert in alten Fernsehzeitschriften

Da rockt er noch – Skulptur des zurückgetretenen Verteidigungsministers Freiherr von und zu Guttenberg bei der Verleihung vom ORDEN WIDER DEN TIERISCHEN ERNST.Ich muss mich sputen! Schnell raus aus der Toilette! Nicht länger pinkeln als absolut nötig. Sonst verpasse ich den neuesten Medienhype.

Niemals trödeln in der Klappküche! Kaum rühre ich versonnen eine 5-Minuten-Terrine, vernudle ich glatt den Aufstieg eines coolen Superstars. Wie er munter im frischgebohlten TV-Studio singt, dann leicht stockender bei der Polizei. Und wie er flotti bereits seine Knackigraphie Jenseits von Sing Sing präsentiert. Mir wird schwindlig.

Satellitengleich umrundet ein Siegesgeschöpf genannt Lena den eurovisionären Musikkosmos, ich trag flugs den Abfall raus, schon wünscht man sie bei Massendemos weit weg nach Landshut. Kein Verlass mehr auf nix.

Eben noch wandelt die freiherrliche Lichtgestalt gepriesen längs Kundus, kaum wasch ich mir die Hände, ist mir doch das Kreuziget ihn! entgangen. Der Herr wurde bereits weggehängt. Das Licht an der Gestalt war nur ein billiger Spiegeltrick. Hey! Hinten rechts lauern Unerschrockene bereits auf eine glänzende Auferstehung.

Jetzt muss ich mich aber setzen. Hier läufts im Husch-Husch-Modus. Renn, Buddy, renn! Und ich komme nicht mal nach mit dem Umschalten!

Es schüttelt mich … ein Alptraum! Neineinein … Verweigerung! Mag alles hecheln und hetzen. Aber bitte ohne mich. Sofortige Vollbremsung!

Ich gestehe: Manchmal fühle ich mich in der Viewfinder-Redaktion wie der Bewohner einer seltsamen Langsamwelt. Irgendwo im parallelen Slowversum. Und ein Gedanke in zartbitter klopft an: Alles nur verträumt, alles längst versäumt?

Vollkommener Unsinn! Ich lebe im exquisitesten Luxus. Ich gönne mir Langsamkeit. Ich lasse mir ausgiebig Zeit, wenn ich mich einem Thema widme, wenn ich einen Artikel verfasse. Ich nähere mich vorsichtig, stöbere Details auf, entwickle meine Geschichte. Schritt um Schritt. Langsam langweilig, was? Wo doch draußen die Szene tobt.

Warum nur empfinde ich dabei so einen Genuss? Wieso ist mir derart behaglich?

Szene aus dem Durbridge-Sechsteiler ES IST SOWEIT. Eine DVD mit restauriertem Filmmaterial gibt es von STUDIO HAMBURG.So wie zurzeit bei der Vorbereitung für ein Skript über die so genannten Straßenfeger, Fernsehrimis in Fortsetzungen nach Drehbüchern des Briten Francis Durbridge. Die liefen ab 1959 auf bundesdeutschen Bildschirmen – damals, als es nur ein einziges Programm gab. Und das in schlichtem flackerndem Schwarzweiß.

Was will ich denn mit solchen ollen Kamollen? Wo es gerade so viel Knalliges, Rabatziges, aufregend Dreidimensionales gibt. Nun … es erzeugt ein wohliges Gefühl, diese alten Filme auf DVD anzuschauen. In aller Ruhe. Konzentriert. Manche Szenen wieder und wieder. Obwohl ich diese bei ihrer Erstausstrahlung gar nicht sehen konnte.

Um die Epochendenke, den Zeitgeist, zu erhaschen, stöbere ich dazu gerne in jenzeitigen Büchern, Magazinen, Fernsehzeitschriften.

Titelbild der HÖR ZU Nummer 31 aus dem Jahr 1959 – nicht nur die Cover des Künstlers Kurt Ard machen diese historischen Fernsehzeitschriften zu Kostbarkeiten.Passend erhielt das Viewfinder-Archiv kürzlich einen dicken Packen HÖR ZU aus den 1950ern und 1960ern. Es kribbelte mich überall. Wie hat der Televisor, der Kritiker, wie haben die Zuschauer damals ihr unmittelbares Durbridge-Erlebnis empfunden?

Genüsslich schmökere ich fast täglich in diesen vergilbten Heften. Für mich sind es glimmernde Schätzchen. Ich ergötze mich an Kolumnen wie Kurz und bündig, Klatsch und Tratsch oder Das Wort hat: Der Kritiker.

Daneben all diese entzückenden Werbeanzeigen. Beiläufig erfahre ich viel über die Welt, in der die Kinderstube des deutschen Fernsehens stand. Ich schmunzle, ich staune, ich amüsiere mich.
 
Und ich bin sicher: An diesen historischen Randnotizen haben sicher auch Sie, die Viewfinder-Leser, ihr Vergnügen. Aus dem Heute betrachtet lesen sich diese Kommentare zuerst pur witzig. Aber sie offenbaren schnell eine belebende Klarsicht. Es sind Anekdoten einer vergangenen Zeit. Gleichzeitig zeigen sie deutlich, wie rasant sich die Medienszene entwickelt hat und wie furios sie sich sicher weiterentwickeln wird. Ein Blick zurück nach vorn.

Die Viewfinder-Redaktion möchte helfen, diese Kostbarkeiten wieder zugänglich zu machen. Deshalb werden wir hier von nun an regelmäßig Auszüge aus der HÖR ZU und anderen Publikationen veröffentlichen. Lehnen Sie sich zurück. Gönnen Sie sich dieses Innehalten. Schmunzeln Sie mit mir, staunen Sie, amüsieren Sie sich. Und verschwenden Sie keinen Gedanken daran, was Sie gerade alles versäumen könnten.

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