Ihr Monsterlein kommet
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„Hier, Kranker! Ich haben Medizin!“, wispert er. Verschwörerisch drückt er mir einen Kawenz in die Hand. Genau den hat er mir gerade in die Seite gebohrt. Ich brauch beide Hände, damit mir das Dingens nicht sofort wegrutscht. Ein dickes Dingens. Uffta! Ein Brocken von Comic. Drei Wörter stoßen vom Cover ins Auge: Weihnachts, Horror, Comix. Von undergroundcomix.de. Wie immer blättere ich von hinten auf. Bow-Wow! 402 schwarzweiße Seiten! Softcover. Dickes Papier. Diese Schwarte kann man als Waffe im Nahkampf verwenden. Jetzt trau dich, Christkind!Oh! Steht da nicht Weihnacht? Und ich zucke noch nicht über den Teppichboden? Liegt das am zweiten Wörtchen Horror? An der Kombi? Oder am Titelbild? Zwei heulende Kinderlein plärren mir entgegen. Raaah! Hinter ihnen ein Heiligabend-Zombie, ein gar schröcklicher Weihnachtsmann, grüne Gammelhaut, Sabberschlieren zwischen den Zahnlücken. Jetzt ja. Ich muss mich doch setzen. Der Geist der vergangenen Weihnacht erwacht. Unvermittelt. Ich muss an meine Schwester denken. Birgit. An unseren ganz persönlichen Weihnachtshorror. Swooosh! Erinnerungen schwappen. Flashback.
Ich habe mich unter den Wohnzimmertisch verkrochen. Ich weine. Direkt vor mir stapfen riesige Stiefel auf und ab. Whomp! Die herrische Stimme des Weihnachtsmannes: „Jetscht werd g’schunge!“ Ich will aber nicht singen. Ich hasse es. Birgit jammert leise. „Du ghummscht jetzat da raus!“, keift der Heilige Mann und bückt sich. Eine gnadenlose Hand stößt vor, packt mein linkes Ohr. Harrr! Das tut weh. Nikolaus zieht mich ran, gluckst, dünstet nach Fusel und Mottenkugeln. Es folgt erschütterndes Zwangssingen. Der Rutenfetischist hat sichtlich Freude daran, mir im Rhythmus von O du fröhliche auf den Hinterkopf zu klatschen. Tiefseufz! Natürlich weiß ich schon lange, dass das der Alte ist. Diese Schmiere! Mit seiner verpappten roten Mütze und dem Filzebart. Weihnachtshorror. Großpackung.„Das ist An-Toll-Logisch“, reißt mich Mister Comicothek zurück. Was will er? Er schaut stolz. Ich kann richtig hören, wie er das Wort falsch schreibt. Knirsch! „Da haben zig Künstlers mitgemacht!“, weisheitet er und ist verschwunden. Ach ja, die Comix! Eine Anthologie! Ich sitze auf der Treppe vor den Wäscher-Remitenten und querlese. Zuerst unkonzentriert. Dann immer beeindruckter. Da sind gesammelte 45 Zeichner und Texter inhaltsverzeichnet. Eine wilde Schar. „Santa kriegt eins auf den Sack vom durchgeknallten Comicpack“, dröhnt das Vorwort.
Dieser Band ist wahrlich erfüllt vom Geist der verfluchten Weihnacht! Ich entspanne. Mhmmm … Äxte schwirren, die Kettensäge zerteilt brüderlich, Zombies verschenken Leichenteile. Auf Santa lauert Dauersauer. Entweder endet er als Festbraten oder es saugt ihn ins Triebwerk eines Passagierfliegers. Spong. Klong. Sputt. Letztlich erhängt er sich auf dem Dachboden. Urgs! Der arme alte Mann! Verstohlen kichert. Die Plots sind biestig bis bösartig. Manchmal unterschwellig. Manchmal oberflächlich. Manchmal pure Metzelsuppe. Die Zeichnungen plastisch bis platt. Könner Seite an Seite mit Wollern. Jedenfalls: Reiche Bescherung. Und das für banale 15 Euro. Das sind nicht mal 4 Cent pro Seite. Wo es auf einer einzigen schon wieder den kompletten Nikolaus zerlegen kann. Eine Story mundet nicht? Schnurzi-purzi. Ich nehm ein Versucherle, lass den Rest stehen, wandle weiter zum nächsten Gericht.
Genau so mach ich das immer mit Pralinen. Schon als Minimensch hatte ich das raus, mit fünf, mit sechs. Ich grinse. Auch dem Alten … also dem Nikolausi … sollte ich unterm Christbaum eine Praline anbieten. So ein braver Junge! Ich wollte aber eher rausfinden, wo in der Naschbox die geilen Marzipanteile zu finden waren. Also: Stiftung Warentest. Alles anbeißen. Dann wiederauffüllen mit dem harten Nusskram aus der Reservepackung.
Normalerweise hat der Alte das ja sofort durchblickt. Verräterische Bissspuren! Holy Night aber war der schicker. Teils unberechenbar, aber reichlich El Blindo. El Blindo mit wachsendem Dioptrienbedarf. Wenn er sich bewegte, machte es Kling Klong. Irgendwo hatte der immer Miniaturflaschen versteckt. Als Bubi Naivi dachte ich, warum kriegen nicht Birgit und ich diese Spielzeugbotteln? Später hab ich den Gag gerafft. Der dauernuckelte Flachmänner! Dabei war er selber einer.
Aber für mich hieß das: Sei ungeniert, tus unzensiert!. Beim Gedichtaufsag hab ich wortgeschöpft: Allüberall auf den Tannenspitzen seh ich dich alten Sack rumsitzen. Birgit hat geprustet. Nikosuffski hat nur geschwankt. Hey! Cool! Daran hab ich schon Jahrhunderte nicht mehr gedacht. Ich gickle so laut, dass alle Manga-Fratzen um mich herum ein schnuckeliges O-Mäulchen auftun. Dieses Buch ist magisch! Es duftet nach vergiftetem Spekulatius.
